Von Fäden und Fadenspielen

Fadenspiele wurden in vorkolonialer Zeit fast auf der ganzen Welt gespielt. Die meisten der bekannten Fadenspiele (es gibt mehr als 2.500 historisch überlieferte Fadenfiguren) sind von den australischen Ureinwohnern, den Aborigines, den Inuit und den Indianern übermittelt.

Die Fadenspiele hatten unterschiedliche Bedeutungen und/oder Tabus: Bei einigen Inuitgruppen durften z.B. nur im Winter Fadenfiguren gespielt werden. Andere Völker schlossen Knaben aus, während Mädchen, Frauen und Männer mit der Schlaufe spielen durften.

Wieder andere gestatteten nur bestimmte Spiele für Frauen und Männer getrennt. Die Begründungen hierfür waren in der jeweiligen Mythologie zu finden.

Bildinfo: Bronzeplastik in Czernowitz/ Ukraine
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Die Fadenspiele selber drückten Sprache, Bilder oder einfach "nur" Spiele aus. Verschiedene Stämme mit unterschiedlichen Dialekten - bei den Aborigines - konnten sich anhand der Fadenfiguren verständigen, "unterhalten".

Mit Einsetzen der Kolonialisierung durch die Europäer und gleichzeitiger Missionierung verschwanden die Fadenspiele bei den Naturvölkern langsam. Die Europäer spielten nur die ihnen bekannten Abnehmspiele (wobei sich zwei Spieler abwechseln) und taten sie als simple "Spielchen" ab; dem Klerus waren die mythologischen Bedeutungen zu wenig monotheistisch, so dass alles daran gesetzt wurde, die Spiele in Vergessenheit geraten zu lassen.

Im 19. Jahrhundert stießen Anthropologen zum ersten Mal auf Fadenfiguren, die sie in ihren Bewegungsabläufen niederschrieben. Es ist ein Phänomen, dass unabhängig voneinander auf allen Kontinenten Schnurfiguren bekannt sind und eine eigenständige Entwicklung nahmen.

In früheren Zeiten verwendeten die Spieler Pflanzenfasern, Tiersehnen und auch Menschenhaar. Zu diesem Zweck ließen die Frauen ihre Haare lang wachsen und verarbeiteten sie nach dem Haarschneiden dementsprechend.

 
Es gibt verschiedene Arten der Fadenspiel-Anfänge, die meisten Spiele werden symmetrisch begonnen und weitergeführt. Manche beginnen asymmetrisch und werden mit anderen Bewegungen, die die Asymmetrie während des Spieles aufheben, zu Ende gebracht.

Mit wiederum anderen können bewegte Bilder ausgeführt werden. Während die meisten der Spiele allein gespielt werden, gibt es Figuren, die einen zweiten Mitspieler benötigen, um die Spiele zu vollenden.

Für die Handhabung der Fadenfiguren werden hauptsächlich die Finger benötigt, für manche Spiele setzt man zusätzlich Nacken, Zehen oder Mund ein. Die Bewegungsabläufe der Fadenfiguren belaufen sich zwischen drei und über 30 meist symmetrische Bewegungen der Finger.

 
Nimmt man eine Schnur, spielt Fadenfiguren und trifft dabei auf jemanden, der diese Figuren und die Art der Handhabung noch nie gesehen hat, kommt man leicht ins Gespräch.

Der Gesprächspartner, ob Kind oder Erwachsene, wird sofort von den Bewegungsabläufen und des, bei geübten Spielern schnell und leicht aussehenden, Ergebnisses "gefesselt".

Der Wunsch, es selber zu probieren, ist bei den meisten Menschen sehr stark ausgeprägt. Es entsteht eine Kommunikation, die zielgerichtet ist und Altersstufen überspringt.

Es bedarf am Anfang der Spiele großer Konzentration, doch merken auch die Mitspieler, dass die Reihenfolge der Bewegungsabläufe bei einiger Übung "in die Finger" geht. Vergisst ein Mitspieler eine Fadenfigur, benötigt er eine kurze Erinnerung eines Bewegungsablaufes und schon laufen die Finger wie von selbst die restlichen Bewegungen ab.

Geübte Spieler spielen so schnell, dass das Auge den Bewegungen nicht schnell genug folgen kann.

 
Fadenspiele sind und waren immer mehr als nur Kinderspiel. Dies wird besonders deutlich, wenn wir in Workshops und auf Veranstaltungen die Fingerfadenspiele verändern. Wir haben neue Spieltechniken entwickelt und setzen Seile unterschiedlicher Längen ein, dadurch bekommen die Figuren ganz neue Dimensionen.

So spielen wir z.B. mit zwei Personen im sogenannten 3-Punkt-Seil bis hin zu einem 50m-Seil, das von mehr als 10 Personen bewegt werden muss.




Aber manchmal bewegen wir uns auch in einer viel kleineren Dimensionen: wenn Handpuppen zum Einsatz kommen und auf ihren Fingern die Figuren entstehen.

Diese Varianten präsentieren wir auch auf der Bühne und nach Möglichkeit mit fluoreszierenden Fäden und Seilen im Schwarzlicht.

 
Mittlerweile erleben die Spiele eine Renaissance und wir sind daran nicht unbeteiligt. Wir spielen seit mehr als 20 Jahren und reisen durch die Lande, um dieses uralte Spiel nicht in Vergessenheit geraten zulassen. Wir waren in unzähligen Schulklassen eingeladen "nur" zum Spielen oder auch zu bestimmten Projekten, z.B. Inuit (Eskimo) oder Indianer u.ä., haben mit Tausenden von Kindern und Erwachsenen auf den verschiedensten Veranstaltungen angebandelt.

Lehraufträge an Universitäten, Gastvorträge und Demonstrationen in den unterschiedlichsten Kultureinrichtungen tragen dazu bei, Multiplikatoren auszubilden. Es interessieren sich Gedächtnistrainer, Ergotherapeuten und Krankengymnasten für unsere Arbeit.

Museumspädagogen, Spielpädagogen suchen den Kontakt mit den Fadenspielern und neuerdings Geschichten- und Märchenerzähler. Das liegt wohl daran, dass in unserem Buch das Erstellen von Fadenfiguren mit dem Erzählen von Geschichten einhergeht.

 
Seit einiger Zeit sind die Fadenspiele auch im wissenschaftlich - pädagogischen Bereich ein Thema: Zurzeit liegen zwei fertige Examensarbeiten der Universität Bremen vor. Das Thema der einen Arbeit lauten: Was durch Fadenspiele vermittelt werden kann - Überlegungen zur Einführung von Fadenspielen in der Primarstufe.

Unter "Fadenfiguren" geht es dort z.B. um Anwendungsbeispiele von Fadenspielen in den Inhaltsbereichen des Schulsports für den ästhetisch - orientierten Unterricht in der Primarstufe. Autorin dieser Arbeit ist Anja Hindenburg - und natürlich Fadenspielerin.

Die zweite Arbeit - geschrieben von Wiebke Fleischmann, ebenfalls Fadenspielerin - beschäftigt sich mit den Fadenspielen in Geschichte und Gegenwart - eine empirische Studie über lerntypenabhängige Materialien zur Vermittlung von Fadenspielen.



 
Eine Weisheit von Konfuzius besagt:

Erzähle mir und ich vergesse.
Zeige mir und ich erinnere.
Lass es mich tun und ich verstehe.

Ich möchte diesen Satz etwas abändern und sagen: "Lassen Sie uns spielen und Sie werden verstehen." Auch ohne Worte, den ein Faden verbindet.

Die Deutsche UNESCO-Kommission benannte die Fadenspielgruppe ABOINUDI im Jahr 2000 als offiziellen deutschen Beitrag für eine Kultur des Friedens.





Bitte nie den Faden verlieren!

 

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